|
In Osthofen siedelten sich nach dem Dreißigjährigen Krieg vier christliche
Konfessionen an: Katholiken, Reformierte, Lutheraner und, seit 1670 von der Schweiz her eingewandert, auch einige Mennoniten. Bis 1699 nutzten Reformierte, Lutheraner und Katholiken die Bergkirche noch gemeinsam
(„Simultaneum“ – so eingeführt vom katholischen Kurfürsten Johann Wilhelm). Zwischen 1703 und 1706 wurde die Bergkirche den Reformierten zugesprochen. Sie nutzten noch einige Zeit die Bergkirche zusammen mit den
Katholiken, während die Lutheraner sich in der Ortsmitte, an der Stelle des 1621 zerstörten Rathauses zunächst eine Notkirche einrichteten.
Als 1758 eine große Wasserflut das Fundament dieser ersten lutherischen
Kirche unterspülte, entstand – auch durch die Zunahme der Bevölkerung – der Druck, eine neue Kirche zu errichten: die heutige „Kleine Kirche“ entstand im Jahr 1778!
Mit der in Rheinhessen 1822 geschlossenen Union (Vereinigung) der beiden
protestantischen Konfessionen wurde u.a. aber der Abendmahlstreit beendet. Seit dieser Zeit sind beide Kirchengebäude im Besitz der Evangelischen Kirchengemeinde Osthofen. Durch die Union von Lutheranern und
Reformierten wurde auch denkbar, dass in einem prächtig im Nazarenerstil (Ende des 19. Jahrhunderts) ausgestalteten Fenster unter dem erhöhten
Christus als Weltenherrscher in seltener Einmütigkeit die Reformatoren Luther und Calvin nebeneinander abgebildet sind.
Nach der Renovierung der Bergkirche in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts
wurde die Kleine Kirche wegen Baumängeln für den gottesdienstlichen Gebrauch geschlossen und zunächst sich selbst überlassen. Bis zum Ende der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts war sie so verfallen, dass im damaligen
Gemeindebrief „Brücken zueinander“ sogar – zumindest satirisch – über einen Abriss nachgedacht wurde. In der Nachbarschaft der „Kleinen Kirche“ war das
barocke Bauernhaus „Zum weißen Ross“ abgerissen und an seiner Stelle ein „Coop“-Markt (heute: „Drogerie Schlecker“) errichtet worden. An der Stelle der
„Kleinen Kirche“ hätte also praktischer Weise ein Parkplatz für den Supermarkt entstehen können ......
Doch den damaligen Verantwortlichen fiel mehr ein als nur die Abrissbirne: Die „Kleine Kirche“ sollte erhalten bleiben, die
Nutzungsmöglichkeiten sollten aber durch das Einziehen einer Zwischendecke vergrößert werden. Im Untergeschoss konnte dann bereits 1980 die Pflegezentrale der gerade errichteten „Evangelischen
Sozialstation Osthofen" einziehen. Das Obergeschoss wurde zu einem festlichen Kirchsaal hergerichtet, der am 1. Advent 1983 eingeweiht wurde. Die Empore war zunächst weiß und golden gehalten.
Ende der 80er Jahre wurde der Entschluss gefasst, die Jeckel-Orgel – die bis dahin ausgelagert war – doch zu restaurieren. Zu diesem
Zeitpunkt waren 90 % des Pfeifenbestandes und die Schleierbretter verschwunden. Die mühsame Rekonstruktion verschlang bis zur Fertigstellung im Sommer 1989 den stolzen Betrag von 150.000 DM! Aus
Denkmalschutzgründen musste die Empore der Farbgebung der Orgel (dunkles Eichenholz) und der Farbgebung der Empore bis zur Umgestaltung angepasst werden, so dass sie heute wieder in einem
dunkelbraunen Farbton erscheint.
Im Jahr 2006 wurde die Kleine Kirche erneut renoviert: Der Sockel wurde
außen neu verputzt und erhielt einen neuen Farbanstrich, der Kirchsaal im I. OG erhielt einen neuen Anstrich, wobei die Decke von einem gelben Ton in einen schönen barocken Blauton verändert wurde.
Im gleichen Herbst zog im Erdgeschoss der Eine-Welt-Laden ein, eine
Fortsetzung der „Dritte-Welt-Initiative“ der Kirchengemeinde aus den 80er-/Anfang 90er Jahren des 20. Jahrhunderts.
|